Eine Glosse
Berlin im Winter. Die Stadt, die sich gerne als Vorreiterin der Verkehrswende inszeniert, entlarvt sich bei der ersten Schneeflocke als das, was sie in Wahrheit ist: eine auf vier Rädern gebaute Monokultur mit Verfallsdatum.

Während auf den Straßen die Räumfahrzeuge ihre Runden drehen und Salz streuen, als gäbe es kein Morgen, bietet sich auf Gehwegen und Radwegen ein Bild, das eher an die Eiger-Nordwand erinnert. Hier herrscht das Gesetz des Dschungels – oder besser: des Glatteis-Dschungels. Fußgänger hangeln sich von Laternenpfahl zu Laternenpfahl, Radfahrer haben längst kapituliert und schieben ihre Gefährte über Eispisten, die offiziell noch immer „Radverkehrsanlagen“ heißen.
Die Räumpflicht? Existiert auf dem Papier. Kontrolliert wird sie in etwa so häufig wie Falschparker vor Feuerwehrzufahrten – also praktisch nie. Schließlich sind die zuständigen Behörden beschäftigt. Womit genau, bleibt das Geheimnis einer Verwaltung, die Prioritäten setzt wie ein Dreijähriger seine Buntstifte: bunt durcheinander und ohne erkennbares System.
Und dann die Trams. Ach, die Trams! Berlins Stolz, das Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs, steht still. Vereiste Oberleitungen, heißt es lapidar. Man möchte fragen: Wirklich? Die Menschheit hat Raumfahrzeuge erfunden, die auf Kometen landen. Wir haben Roboter, die den Mars erkunden. Aber in Berlin – Berlin! – gibt es keine Fahrzeuge, die Tramoberleitungen von Eis befreien können?

Moment. Natürlich gibt es die. Sie existieren in anderen Städten, in anderen Ländern, sogar in anderen deutschen Metropolen. Nur eben nicht hier. Denn ihre Anschaffung, ihr Einsatz, ihre bloße Existenz würde ja bedeuten, dass man den Schienenverkehr ernst nimmt. Dass man ihn priorisiert. Dass man – Gott bewahre – Geld in etwas anderes investiert als in die heilige Kuh des Autoverkehrs.
Jahrzehntelang hat die Politik diese Stadt auf das Auto ausgerichtet. Breite Straßen wurden asphaltiert, Parkplätze geschaffen, Schneisen für den motorisierten Individualverkehr geschlagen. Und diese Autozentrierung ist so tief in den Beton gegossen, dass selbst der Winter sie nicht erschüttern kann. Im Gegenteil: Er offenbart sie in aller Deutlichkeit.
„Lass dir das Auto nicht verbieten“, plakatierte die CDU im letzten Wahlkampf großflächig durch die Stadt. Als wäre irgendjemand je auf die Idee gekommen, Autos zu verbieten. Als würde nicht täglich das Gegenteil demonstriert: dass nämlich allen anderen die Alternative verboten wird. Dem Fußgänger der sichere Gehweg. Dem Radfahrer der passierbare Radweg. Dem Tramfahrer die funktionierende Tram.
„Lass dir das Auto nicht verbieten“ – dieser Slogan war nie eine Warnung. Er war ein Versprechen. Das Versprechen, dass sich nichts ändern wird. Dass die Straßen auch weiterhin blitzeblank geräumt werden, während Gehwege zu Rutschbahnen verkommen. Dass die Oberleitungen weiterhin vereisen dürfen, weil hey, wer braucht schon Trams, wenn er ein Auto hat? Dass die Stadt weiterhin auf Knien vor dem Blech rutscht – im wahrsten Sinne des Wortes, bei diesem Glatteis.
Die Botschaft ist glasklar – oder sollte man sagen: eisglasklar? Wer in Berlin mobil sein will, braucht ein Auto. Wer zu Fuß geht, Rad fährt oder gar auf die Tram setzt, ist selbst schuld. Mobilität für alle? Ein hübsches Wahlkampfversprechen, das beim ersten Frost schmilzt wie Schnee in der Märzsonne.
Dabei wäre es so einfach. Ein bisschen politischer Wille, ein paar Fahrzeuge für die Oberleitungen, konsequente Kontrollen der Räumpflicht, eine echte Priorisierung von Rad- und Fußverkehr. Aber nein. Lieber lässt man die halbe Stadt auf dem Eis ausrutschen, während die Autos auf geräumten Straßen vorbeirauschen – und die Politik sich selbst auf die Schulter klopft, weil sie dem Bürger ja nichts verboten hat.
Berlin im Winter: eine Stadt, die beweist, dass Stillstand auch bei minus fünf Grad politisch gewollt sein kann. Nicht obwohl, sondern weil es Menschen gibt, die keine andere Wahl haben als zu Fuß zu gehen, Rad zu fahren oder auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen zu sein. Ihnen wird nichts verboten. Ihnen wird nur nichts ermöglicht. Ein feiner Unterschied – besonders auf Glatteis.
Willkommen in der Eiszeit. Sie ist hausgemacht.