Die 96-Prozent-Illusion: Warum fast alle Autofahrer sich für rücksichtsvoll halten – aber niemand es erlebt

Es ist eine Zahl, die nachdenklich macht: 96 Prozent der deutschen Autofahrer sind überzeugt, Radfahrende mit ausreichendem Abstand zu überholen. Gleichzeitig beobachten 93 Prozent derselben Autofahrer, dass andere dies nicht tun. Willkommen in der Parallelwelt des deutschen Straßenverkehrs, wo fast jeder vorbildlich fährt – aber niemand vorbildliche Fahrer trifft.

Das Paradox auf der Straße

Die aktuelle Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zum Verkehrsklima 2023 hat ein faszinierendes psychologisches Phänomen offengelegt. Wenn 96 von 100 Autofahrern tatsächlich korrekt überholen würden, müssten sie genau das auch bei anderen beobachten. Stattdessen sehen 93 Prozent ständig zu knappe Überholmanöver.

Die Mathematik ist gnadenlos: Beide Aussagen können nicht gleichzeitig wahr sein. Was wir hier erleben, ist ein klassischer Fall von Selbstüberschätzung gepaart mit selektiver Wahrnehmung. Und dieses Phänomen hat gefährliche Konsequenzen.

Der blinde Fleck hinter dem Lenkrad

Warum entsteht diese krasse Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung? Die Psychologie kennt dafür mehrere Erklärungen:

Die Selbstüberschätzung: Menschen neigen dazu, ihr eigenes Verhalten positiver zu bewerten als das anderer. Im Straßenverkehr wird dieser Effekt noch verstärkt, weil wir unsere Absichten kennen („Ich wollte ja mehr Platz lassen, aber da kam ein Gegenverkehr“), während wir bei anderen nur das Ergebnis sehen.

Die selektive Erinnerung: Gefährliche Situationen, die wir erleben, brennen sich ins Gedächtnis ein. Die hundert Mal, wo alles glatt lief, vergessen wir. Als Radfahrer erinnern wir uns an jedes knappe Überholmanöver – als Autofahrer an keines der vielen, die wir selbst vielleicht durchgeführt haben.

Die Rechtfertigungsfalle: Niemand hält sich gerne für einen schlechten Verkehrsteilnehmer. Also finden wir Gründe, warum unser zu knapper Überholabstand „in diesem Fall vertretbar“ war, während wir bei anderen keine mildernden Umstände gelten lassen.

Was bedeutet „ausreichend Abstand“?

Ein Teil des Problems liegt auch in der Definition. Die Straßenverkehrsordnung schreibt innerorts 1,5 Meter, außerorts 2 Meter Abstand beim Überholen von Radfahrenden vor. Doch was fühlt sich für Autofahrer nach 1,5 Metern an?

Viele unterschätzen massiv, wie viel Platz das tatsächlich ist. Was sich vom Fahrersitz aus wie „genug Abstand“ anfühlt, kann aus Sicht des Radfahrers bedrohlich eng sein. Der Luftzug eines vorbeifahrenden Autos bei zu geringem Abstand kann Radfahrende ins Schwanken bringen – besonders Kinder, ältere Menschen oder bei Seitenwind.

Die gefährlichen Folgen der Illusion

Die Folgen dieser Fehleinschätzung sind mehr als nur theoretischer Natur. Zu geringe Überholabstände gehören zu den häufigsten Unfallursachen beim Zusammentreffen von Auto und Fahrrad. Jedes Jahr werden in Deutschland hunderte Radfahrende bei Überholunfällen verletzt oder getötet.

Solange Autofahrer überzeugt sind, bereits alles richtig zu machen, fehlt die Motivation zur Verhaltensänderung. „Ich bin doch einer von den 96 Prozent, die es richtig machen“, denkt sich jeder – und übersieht dabei die eigenen Fehler.

Der Weg aus der Illusion

Wie können wir diesen blinden Fleck überwinden? Hier einige Ansätze:

Selbstbeobachtung statt Fremdkritik: Statt sich über andere zu ärgern, sollten Autofahrer bewusst auf ihr eigenes Überholverhalten achten. Am besten hilft eine einfache Faustregel: Wenn man beim Überholen nicht komplett die Fahrspur wechseln kann, ist der Abstand zu gering.

Perspektivwechsel: Wer selbst auch Fahrrad fährt, entwickelt ein besseres Gefühl dafür, wie bedrohlich knappe Überholmanöver wirken. Der regelmäßige Wechsel zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln schärft die Wahrnehmung.

Technische Hilfen: Moderne Fahrerassistenzsysteme können warnen, wenn der Seitenabstand zu gering wird. Solche Systeme sollten Standard werden.

Aufklärung und Training: In Fahrschulen müssen die gesetzlichen Abstände praktisch geübt werden. Viele Fahrer haben nach bestandener Prüfung kein realistisches Gefühl mehr dafür, wie viel 1,5 Meter tatsächlich sind.

Was die Studie lehrt

Die UDV-Studie zum Verkehrsklima 2023 offenbart ein fundamentales Problem: Nicht mangelndes Wissen ist die größte Herausforderung für mehr Verkehrssicherheit, sondern mangelnde Selbsterkenntnis.

Solange 96 Prozent der Autofahrer glauben, bereits vorbildlich zu fahren, während 93 Prozent bei anderen gefährliches Verhalten beobachten, bewegen wir uns in einer kollektiven Illusion. Diese Illusion kostet Leben.

Die ehrliche Frage

Die entscheidende Frage lautet nicht: „Warum fahren die anderen so rücksichtslos?“ Die entscheidende Frage lautet: „Bin ich wirklich einer der 96 Prozent – oder bilde ich mir das nur ein?“

Erst wenn wir ehrlich zu uns selbst sind und den eigenen blinden Fleck erkennen, kann sich das Verkehrsklima nachhaltig verbessern. Die nächste Studie in einigen Jahren wird zeigen, ob wir dazu in der Lage sind. Bis dahin bleibt die Aufforderung: Beim nächsten Überholmanöver einfach mal bewusst auf den Tacho schauen, den Abstand einschätzen – und ehrlich sein.

Denn eines ist sicher: Wir können nicht alle zu den vorbildlichen 96 Prozent gehören, wenn niemand diese vorbildlichen Fahrer trifft.


Quellen